Die Lebensgeschichte von Tofik Name: Tofik* Alter: 36 Jahre Geschlecht: Männlich Herkunftsland: Syrien Aufenthaltsdauer in der Schweiz: Seit Dezember 2010 Ursache von Staatenlosigkeit: Seit der Geburt staatenlos aufgrund von geschlechtsspezifischer und ethnischer Diskriminierung Aufenthaltsregelung in der Schweiz: Niederlassungsbewilligung, vom SEM als staatenlos anerkannt Tofik wurde 1981 staatenlos in Syrien geboren. Seine Mutter war Syrerin, sein Vater war ein in Syrien geborener Kurde, der der staatenlosen Gruppe der Ajanib angehörte. Tofik wusste schon immer, dass er staatenlos und nicht „wie alle anderen“ war: „Ich bin ohne Zukunft geboren worden, meine Zukunft war bereits vor meiner Geburt vorbei. Ich kann nur in der Gegenwart denken.“ Als Ajnabi hatte er einen roten Identitätsnachweis, mit dem er sich nicht frei in Syrien bewegen durfte. Er durfte lediglich in seinem Dorf leben und die Universität in Damaskus besuchen, wo er Journalismus studierte. Tofik wusste, dass er als Ajnabi nie legal in Syrien würde arbeiten dürfen und stattdessen heimlich im Restaurant oder auf der Baustelle würde arbeiten müssen. Im Dezember 2010 ist Tofik in die Schweiz gekommen und hat ein Asylgesuch gestellt. Auch in der Schweiz durfte er zunächst den Wohnort nicht frei wählen, da er nur eine vorläufige Aufnahme erhielt. Mit der vorläufigen Aufnahme war es zudem schwierig für Tofik, eine Arbeit zu finden. Dank der Hilfe eines Freundes fand er schliesslich eine Stelle in einem kurdischen Restaurant, wo er eine Zeit lang arbeitete. 2015 stellte Tofik mit der Unterstützung einer RBS ein Gesuch um Anerkennung der Staatenlosigkeit, das vom SEM gutgeheissen wurde. Anschliessend erhielt Tofik eine Aufenthaltsbewilligung — und 2016 dann eine Niederlassungsbewilligung — sowie einen „Pass für eine ausländische Person“. Nach der Anerkennung als staatenlose Person konnte Tofik mit über 30 Jahren zum ersten Mal in seinem Leben eine SIM-Karte für das Natel kaufen und reisen. Als Tofik in die Türkei reiste, um dort seine Mutter zu treffen, hatte er jedoch Schwierigkeiten bei der Einreise, da die türkischen PolizistInnen seinen „Pass für eine ausländische Person“ nicht kannten. Tofik spricht bereits fliessend Französisch, lernt nun auch noch Deutsch, arbeitet und denkt darüber nach, eine Ausbildung zu machen. Er macht sich aber Sorgen darüber, ob er anschliessend mit 40 Jahren noch eine Stelle finden wird. „Auch in der Schweiz bleibe ich Ajnabi und staatenlos.“ Tofik hat Angst, dass, wenn er einmal Kinder hat, diese auch staatenlos sein werden. Wenn er gefragt wird, was Staatenlosigkeit bedeutet, dann gibt er folgende Erklärung: Er ist Kurde aus Syrien und aus politischen Gründen staatenlos. Tofiks Traum ist es, eine Staatsangehörigkeit zu besitzen, „egal, welche, solange eine Staatsangehörigkeit — und nicht ‚apatride’ — im Pass notiert ist“. * Der Name wurde auf den Wunsch des Befragten hin nicht anonymisiert. UNHCR SCHWEIZ UND LIECHTENSTEIN, 2018 87

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